Was ist Migration?

 

 

 

 

 

 

 

 

[Text entnommen der Broschüre „Südtirol wird bunter“, erstellt von Caritas, KVW, OEW und Einwanderungsbeobachtungsstelle, erhältlich bei der Caritas]

 

Was ist Migration?

Migration ist jener Wanderungsprozess, der die Integration von Zuwanderern im Aufnahmeland erst notwendig macht. Unter Migration versteht man einen dauerhaften Wechsel des Lebensumfeldes einer Person aufgrund einer Wanderung über die Staatsgrenzen. Dabei wird die Auswanderung als Emigration und die Einwanderung als Immigration bezeichnet.

Alle westlichen Staaten sind Immigrationsländer. In einer Zeit globaler Vernetzung und verfassungsrechtlich verankerter Rechte auch für Nichtbürger gibt es keine Alternative dazu. Eine Abschottung vor Zuwanderung wäre nicht nur wirtschaftlich fatal, sie widerspräche auch internationalen Abkommen.

 

Migration – keine Ausnahme, sondern die Normalität

Migration ist kein „Betriebsunfall“, kein Ausnahmezustand, kein Phänomen, dem politisches Versagen zugrunde liegt. Migration hat es immer schon gegeben. Sie gehört zur Menschheitsgeschichte. Teilweise wurden Migrationen verschwiegen, weil sie meist kein Ruhmesblatt für die Regierung des Herkunftsstaates bedeuteten, wie bspw. die Auswanderung von ca. 60 Millionen Europäern nach Nord- und Südamerika im 18. und 19. Jahrhundert.

Wir lesen von Völkerwanderungen im Alten Testament und kennen die Völkerwanderungen zu Beginn des Mittelalters. Um Auswanderung zu verstehen, ist es jedoch nicht notwendig, Jahrhunderte, gar Jahrtausende zurückzublicken, oder auf Länder in anderen Kontinenten zu schauen, die unter Krieg oder prekären Wirtschaftssystemen leiden.

Auch in unseren Breitengraden war Emigration noch bis vor einigen Jahrzehnten in Folge von politischen Konstellationen und wirtschaftlichen Mängeln eine Selbstverständlichkeit. Italien hat sich erst in den 70er Jahren vom Emigrations- zum Immigrationsland entwickelt. Selbst die Verfassung sieht in Art. 35 Abs. 4 vor, dass: „Sie (die Republik) anerkennt unter Vorbehalt der durch Gesetz im Allgemeininteresse festgelegten Verpflichtungen die Freiheit der Auswanderung und schützt die italienische Arbeit im Ausland.“

 

Menschen in Bewegung, Menschen auf der Flucht

Wenn sich auch Herkunftsländer und Zielländer ändern, bleibt das Wesen der Migration dasselbe – weltweit. Der Eindruck, dass der Großteil aller Flüchtlinge und Arbeitsmigranten der Welt nach Zentraleuropa strömen, stimmt nicht: höchstens 1 bis 2% aller Flüchtlinge weltweit kommen nach Europa. Die bedeutenden Migrationsflüsse spielen sich auf der südlichen Halbkugel ab. Die ärmsten Länder der Welt tragen die Hauptlast der Flüchtlingsströme.

Migrations- und Flüchtlingsströme sind nichts anderes als Ausdruck der wirtschaftlichen, demographischen und politischen Ungleichgewichte auf der Welt. Derzeit leben nach Schätzungen internationaler Organisationen etwa 175 bis 185 Millionen Menschen befristet oder dauerhaft nicht in ihren Heimatländern. Dies entspricht einem Anteil von 2,5 bis 3% an der Weltbevölkerung. Dieser Anteil ist trotz der Dynamik der wirtschaftlichen Globalisierung in den vergangenen Jahrzehnten nur unwesentlich gestiegen. Dieser Prozentsatz bestätigt, dass Menschen oft selbst bei schlechten oder katastrophalen Lebensbedingungen in ihrem Heimatland bleiben. Meist ist ein starker Anreiz oder Druck nötig, um Menschen zur Migration oder Flucht zu bewegen. Letztendlich entscheiden sich vor allem aktive Menschen, die ihr Schicksal nicht nur hinnehmen, sondern es selbst in die Hand nehmen wollen, zur Migration.

 

Migrationsprozesse

Es sind die jungen, dynamischen, besser qualifizierten Menschen, die für die Suche nach Glück ihr Land und damit die Älteren und Schwächeren ihres Volkes zurücklassen. In den Aufnahmeländern nimmt die Anzahl der leistungsfähigen und qualifizierten Arbeitskräfte zu und steigert deren wirtschaftliche Entwicklung (brain gain), während in den armen Auswanderungsländern die Hoffnung auf eine bessere Wirtschaft mit der Auswanderung schwindet (brain drain). Indem viele Menschen ihr Heimatland verlassen, verschlechtern sich die ohnehin prekären Verhältnisse des Landes. Im ständig zunehmenden Gefälle zwischen dem armen Herkunftsland und dem reichen Zielland wirkt ein „Sog“ für das Zustandekommen eines Migrationsdruckes weg von Arbeitslosigkeit und Armut, hin zu Arbeit und sozialer Sicherheit (push and pull Faktoren). Die Entscheidung zur Emigration und für einen bestimmten Zielort wirdauch wesentlich vom Erfahrungsaustausch mit bereits ausgewanderten Bekannten oder Verwandten beeinflusst (sog. Kettenmigration).

Ein weiteres Problem ist die Verschwendung von Qualifikationen (brain waste): gut qualifizierte Migranten erledigen einfache Jobs, weil ihre in der Heimat erworbene Ausbildung und Erfahrung im neuen Land keine Anerkennung findet. In dem im Februar 2008 präsentierten Bericht der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) zur Situation der Einwanderer im 21. Jh. wird das Problem der Überqualifizierung der Einwanderer in den OECD-Ländern betont hervorgehoben. Die Anzahl von Einwanderern, die einer Beschäftigung nachgehen, für die sie deutlich überqualifiziert sind, ist unter anderem in Italien doppelt so hoch wie jene der einheimischen Arbeiter. Für die OECD liegt der Grund dafür hauptsächlich im sprachlichen Bereich und bei den Hürden in der Anerkennung auswärtiger Qualifikationen.

 

Alternde Bevölkerung – eine europäische Herausforderung

Um ein komplexeres Bild der Migrationsflüsse zu vermitteln, ist es unerlässlich, die weltweiten demographischen Verhältnisse aufzuzeigen. Die Daten zur Weltbevölkerung der Vereinten Nationen bestätigen, dass die Unterschiede, auch die demographischen, zwischen „Nord“ und „Süd“ ständig weiter auseinander klaffen. Die Bevölkerung im Süden ist jünger und in ständigem Anstieg, obwohl viele der globalen Ressourcen dort nicht zugänglich sind; der Norden weist geringere Geburtsraten und eine kontinuierliche Alterung auf. Der Anstieg der Weltbevölkerung geht ausschließlich auf die Entwicklungsländer zurück. Die Industrieländer mit Italien zeichnen sich hingegen seit etlichen Jahren durch ihre ständig schrumpfende Geburtenrate und die progressive Alterung der Bevölkerung aus. Im Jahr 2007 betrug das Durchschnittsalter der italienischen Bevölkerung 42 Jahre, während es im weltweiten Durchschnitt 28 Jahre waren. Offiziellen Schätzungen zufolge soll das durchschnittliche Lebensalter der Europäer bis zum Jahr 2050 auf 47,3 Jahre ansteigen. Schätzungen zufolge werden Nigeria und Äthiopien ihre Bevölkerungszahl bis zum Jahr 2050 verdoppeln; Kongo wird sie sogar verdreifachen. Diese bedeutenden demographischen Entwicklungen werden in den Gebieten südlich der Sahara enorme Auswanderungsbewegungen zur Folge haben, wenn es keinen bedeutenden Aufschwung der lokalen Wirtschaft gibt und der gesamte Kontinent sich nicht politisch stabilisiert. Die größten afrikanischen Migrationsströme bewegen sich allerdings innerhalb des Kontinentes.

 

Afrika – Flucht vor Krieg und Hunger

Ein Drittel aller weltweiten Migrationsströme spielen sich innerhalb von Afrika ab. Schätzungen hinsichtlich künftiger Migrationsströme sind mit Vorbehalt zu betrachten. Kriege, als unvorhersehbare Auslöser von Migrationsströmen, können das Migrationsbild drastisch verändern. So hat der Irakkrieg mindestens vier Millionen Binnenvertriebene und Asylwerber hervorgebracht. Weiteren Schätzungen zufolge werden zwei Milliarden Menschen zukünftig durch die von Klimaänderungen verursachten Katastrophen ihre Heimat als Klimaflüchtlinge verlassen müssen. Allein die Ausbreitung der Wüste wird in den nächsten zehn Jahren mindestens 50 Millionen Menschen zur Flucht zwingen.

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